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THE LEBANON

An after war vacation
18. - 24. August 1998

DER LIBANON ist ein Schmelztiegel europäischer und arabischer Kultur. Auf der einen Seite wird er durch mondäne Strandclubs und westliche Mode charakterisiert, auf der anderen durch den Aufmarsch verschiedenster Milizen, allen voran die allgegenwärtige libanesische Armee und syrische Truppen, die - von Israel geduldet - das Land kontrollieren.
   "Über Politik spricht man hier nicht!" - dieser Satz unseres Begleiters Elie Nasser auf unserer Reise durch den Libanon geht mir bis heute nicht aus dem Sinn.
   Dem Besucher erscheint "Beyrouth" wie eine italienische Großstadt an der Küste, vergleichbar etwa mit Genua. Alleine die arabische Schrift (ein seltsames Gefühl, eine Zeitung zu halten, deren Titelblatt sich auf der Rückseite befindet) ist allgegenwärtig. Viele Unterschiede fallen erst später auf.
   Im Libanon spricht man (fast) perfekt Französisch (Amtssprache), Englisch und Arabisch, wenn auch hiervon eine eigene Version. Manchmal spricht man auch alles durcheinander: Babylonisch

 

Aug. - 18 - 1998

1st Day

Luft wie flüssiges Blei in meinen Lungen. Der Lärm der Autohupen wurde zu einem stetigen Rauschen, als wir uns im überklimatisierten Auto vom Flughafen entfernten. Beirut, hektisches Treiben im Ameisenhaufen. Auf den Gesichtern der Menschen keine Spur des Bombenterrors; ihr Hunger nach Leben war unstillbar. Schönheiten aus 1001 Nacht huschten durch die Straßen, doch da war noch etwas: ein unseliger Schatten lauerte in den Ruinen, bereits jederzeit erneut zuzuschlagen.

UNSERE REISE NACH BEIRUT beginnt mit unspektakulärem Warten am Frankfurter Flughafen von 15:00 bis 21:00 Uhr. Sinnvoll läßt sich eine Zeitspanne wie diese an einem solchen Ort kaum nutzen. Ich schreibe Briefe, wir malen uns aus, was uns wohl im Libanon erwarten wird.
  Vom Flug bleiben mir nur der beeindruckende Andruck beim Start, die schreienden Kinder während des Fluges und das Rumpeln der Landung in Erinnerung.
   Als wir das Flugzeug am Flughafen Beirut wieder verlassen, können wir immer noch nicht fassen, daß wir tatsächlich hier sind. Es ist ungefähr zwei Uhr morgens. Die DREAFUL SHADOWS haben eine Liste mit deren Hilfe sie Visa-Gebührenmarken bekommen. Wir werden recht zügig durch die Kontrollen geschleust und finden uns plötzlich in der modernen, steril kühlen Empfangshalle des Flughafens wieder, wo wir von den Veranstaltern des Beirut Rock Festivals und den Menschen, die uns die nächsten Tage begleiten werden, begrüßt werden: Jihad Murr, Chef des Radiosenders RML und Fernsehsenders MTV, der durch großzügige finanzielle Unterstützung den Aufenthalt überhaupt erst ermöglicht hat, Elie Nasser, meinen Kontaktmann in Beirut, sowie Claude Kawas und Raffi Ohanian, die bei RML bzw. MTV arbeiten.
   Wir stolpern beim Verlassen des Flughafens in eine fremde, gluttosende Welt und irgendwie habe ich das Gefühl, im nächsten Moment von einem Heckenschützen getroffen zu werden. Doch nichts geschieht. Beirut ist sicher.
   Auf der Fahrt zum Beirut Commodore Hotel, das im muslimischen Teil der Stadt liegt, lernen wir zum ersten Mal den Verkehr auf den Straßen Beiruts kennen, der bar jeder Regelung funktioniert, auch wenn niemand so recht begreift wie das möglich ist. Es gibt nahezu keine Verkehrszeichen oder Vorfahrtsregelungen. Auch "Rechts vor Links" ist hier außer Kraft gesetzt. Der Beiruter Verkehr ist gelebte Anarchie. Und sie funktioniert.
   Am Commodore Hotel angekommen, laden wir unser Gepäck aus. Das Fünf-Sterne-Hotel beeindruckt uns vom ersten Moment an, doch in dieser Nacht machen wir uns darüber nicht mehr allzu viele Gedanken. Wir checken beim Portier ein, ich bekomme ein Zimmer zusammen mit Alexander, Martin teilt sich eins mit dem Photographen der SHADOWS, Wir fallen müde ins Bett.

 

Aug. - 19 - 1998

2nd Day

Der Fahrer war sichtlich nervös, und seine fortwährenden Versicherungen, es sei "alles kein Problem", wurden durch die Schweißperlen auf seiner Stirn Lügen gestraft. Erst beim vierten Posten durften wir anhalten. Unter dem wuchtigen Stahlhelm lagen die Augen des Syrers im Dunkeln. Sein Blick unbewegt, die dürren Hände umklammerten das Sturmgewehr. Nur ein Zucken seiner Mundwinkel, schlechte gelbe Zähne entblößt. Unmerkliche Bewegung mit dem Gewehr, als er unsere Ausweise kontrolliert, schießt er, oder... wir durften unseren Weg durch die Geisterstadt fortsetzen, unter dem leeren Blick der uniformierten Zombies.

WIR MÜSSEN UNS GANZ SCHÖN BEEILEN, um das Frühstück nicht zu verpassen. Die wenigen Stunden Schlaf haben nur wenig zur Erholung beigetragen, und das Tagesprogramm wird uns einiges abverlangen.
   Die SHADOWS frühstücken bereits, das Buffet läßt keine Wünsche offen: angefangen bei typisch englischem Frühstück mit Speck, Würstchen und Bohnen über Obst und Müsli bis hin zu Brötchen, süßem Gebäck und vielfältigem Belag, ist für jeden Geschmack etwas da. Ich entscheide mich für eine Rosinenschnecke mit Marmelade und trinke dazu Darjeeling, den einer der vielen Bediensteten gebracht hat. Von vornherein wird klargestellt: hier darf man selber nichts tun, hier wird man bedient.
   Schon der erste Termin verschiebt sich dank des immensen Verkehrs zwischen muslimischen und christlichen Teil der Stadt. Wir passieren zum ersten Mal die einstige "Grüne Grenze", an der die verfeindeten Parteien einander gegenüber standen und unzählige Menschen ihr Leben lassen mußten. Außer zerstörten Gebäuden, die aber bereits gesprengt und durch Neubauten ersetzt werden, ist vom Krieg nichts mehr zu ahnen, was nicht bedeutet, daß auch die Kriegsgefahr gänzlich verschwunden ist, wie wir auch später noch erfahren sollen.
   Für mittags ist eine technische Besprechung mit den Mitarbeitern von Fidaa Zaloum Jounieh geplant, der Firma, die die Beschallung des Festivals übernommen hat. Auch deren Gebäude ist ein Neubau, teilweise noch im Rohbaustadium, doch der Chef des Unternehmens erweist sich als verständiger und professioneller Tonmeister, der gewissenhaft alle Wünsche aufnimmt.
   Es geht weiter zum ersten Mittagessen, das zu einer Art Kulturschock wird. Das "Chich Kaslik" ist ein moderner, klimatisierter Club mit Strandambiente. Ständig werden neue Teller und Schalen mit exotischen Speisen aufgetragen: Kichererbsenpüree, gefüllte Weinblätter, eingelegte Oliven, Paprika, Gurken, schließlich Pommes Frites, fein geschnittenes Rindfleisch, ja, und selbst Wasserpfeifen gehören dazu. Sie werden für den, der's mag, von den Kellnern herbeigetragen, mit Holzkohle befeuert und berauschen offenbar genauso wie der Anisschnaps, der milchig weiß in den kleinen Gläsern schwappt.
   Schwerfällig und träge verabschieden wir uns und stürzen uns erneut ins Verkehrsgetümmel, um dem Saint Georges Yacht Motor Club einen ersten Besuch abzustatten. Hier wird gerade eine Exotische Nacht vorbereitet, die am nächsten Abend stattfinden soll. Wir nutzen die knappe Stunde, die uns bleibt, für ein Bad, doch das Salzwasser des Pools reizt meine seit einem Malta-Aufenthalt empfindlichen Augen derart, daß ich befürchte, den Rest des Tages halb blind verbringen zu müssen.
   Doch als wir abends im Radiosender RML eintreffen, um dort unser erstes Interview der Reise zu bestreiten, läßt mich die Aufregung alles vergessen. Das Interview wird auf Englisch geführt, alles ist sehr locker gehandhabt. Jihad spricht eine Einleitung, dann übernimmt John das Programm. Für THE HOUSE OF USHER ist eine halbe Stunde vorgesehen; das Interview wird immer wieder durch Songeinspielungen unterbrochen. Wir schlagen uns redlich und bemühen uns, in der live übertragenen Show möglichst viel über die Philosophie des Gothic und unsere Musik zu berichten.
   Nach unserem Interview erwartet uns Tony, ein liebenswerter älterer Herr, der alles über unsere Musik weiß und auf Anhieb sympathisch ist. Von Zeit zu Zeit lebt er mit seiner Familie in Kanada, v.a. wenn dem Libanon Krieg droht.
   Erschöpft und immer noch satt fahren wir in seinem Wagen bald darauf zum Abendessen, das wir zusammen mit Jihad, seiner Frau, Elie, Claude, Raffi und den SHADOWS im Mozarella Verdun, einem italienischen Restaurant einnehmen. Ich bin überrascht, als man mir meinen ungewöhnlichen Wunsch nach "Pommes mit Ketchup und Mayo" erfüllt und genieße den ruhigen Ausklang des Abends.
   Auf der Rückfahrt zum Hotel, wiederum in Tonys Wagen, kommt es zu einer in meinen Augen beängstigenden Version: Soldaten haben eine Straßensperre errichtet. Posten stehen in einer langen, lockeren Kette entlang der leeren Hauptstraße verteilt, schwer bewaffnet. Tony erklärt, daß diese Kontrollen zur späten Stunde nichts ungewöhnliches seien, doch auch als wir unsere Pässe gezeigt und die Sperre blockiert haben, bleibt ein Gefühl der Beunruhigung zurück.

 

Aug. - 20 - 1998

3rd Day

Zerklüftete Schluchten, an deren steil abfallende Wände sich winzige Häuser mit flachen Dächern duckten, Zivilisationsmüll am Wegesrand. Der Geländewagen drohte mehrmals den Abgrund hinabzustürzen, leer drehten sich Räder über dem Nichts, bevor sie den steinigen Boden erneut zu fassen bekamen und das Gefährt protestierend davonschoß. Neugierige Blicke in den Dörfern, Menschen voller Hoffnung. Ich schaute rasch in eine andere Richtung, war mit meinen Gedanken bei dem, was mich verfolgte. Ein Gedanke nur: Negation allen Lebens. Konnte es noch nicht in Worte fassen.

AM ZWEITEN TAG starten wir gleich nach dem Frühstück zu einer Expedition in die höchsten Berge des Libanon. Unterwegs erhalte ich von Elie eine Lektion in jüngerer libanesischer Geschichte. Als wir den Verkehr der Stadt hinter uns gelassen haben, geht es rasch voran. Die Straßen sind eng. Die unübersichtlichen Kurven zwingen zum präventiven Hupen.
   Erster Halt ist das Gibran-Museum, das bereits in beachtlicher Höhe liegt. Der Philosoph und Maler Gibran Khalil Gibran, 1883 in Bsharri geboren, war als US-Immigrant mit dem Buch "The Prophet" bekannt geworden. Im Museum sehen wir Originalmobiliar und Arbeitsmaterial und eine umfangreiche Ausstellung seiner Zeichnungen und Gemälde.
   Es geht weiter, die Berge hinauf, in denen der Bewuchs immer spärlicher, die Siedlungen immer kleiner und abgelegener werden, vorbei an Libanon-Zedern, vorbei an einer Straßensperre mit zwei gut getarnten MTW M 113-Panzern, hinauf in kühlere Regionen. An einer Bergflanke sehen wir Schnee. Dann führt die Straße bergab, in ein einsames ödes Tal, in dem sich plötzlich völlig überraschend eine Oase ausbreitet. An ihren Ufern hat man niedrige Häuser errichtet, Einkehrmöglichkeiten.
   Wieder tischt man uns reichhaltiges, köstliches Essen auf. Die Atmosphäre ist sehr entspannt, die drückende Schwüle Beiruts einer herbeigesehnten Frische gewichen.
   Ich suche die Einsamkeit, verlasse das Restaurant und setze mich am Fuß der Berge ans Seeufer. Plötzlich stehen drei Mädchen vor mir, fragen mich, ob ich in einer Rockband spiele und ob sie mit mir reden dürften. Ich bin verblüfft, werde schon mit einer Videokamera gefilmt und fotografiert. Eines der Mädchen geht in Frankreich zur Schule, wir unterhalten uns auf Englisch, bis der Rest der Band und unsere Begleiter aus dem Haus kommen und wir alle zusammen noch einmal für ein Foto posieren müssen.
   Die Rückfahrt unterbrechen wir für einige Photostops. Wolken haben sich an den geschwungenen Hängen des Gebirges verfangen, und als wir den Bergkamm ein zweites Mal, diesmal von der anderen Seite, überqueren, bietet sich uns ein atemberaubendes Bild der sich weit öffnenden Landschaft.
   Wie erdrückend erscheint mir da kurz darauf die Enge Beiruts. Wir werden zum Commodore Hotel gebracht, wo wir uns kurz erholen können. Mir gelingt es, für einen wichtigen Anruf eine Verbindung nach Deutschland zu bekommen, was mir am Morgen des nächsten Tages, als ich mit Elie zu einem öffentlichen Telefonamt fahre, nicht gelingt. Alexander nutzt die Zeit, um zwischen Wrestling und Cartoon Network zu zappen. Schöne bunte Fernsehwelt, auch im Libanon. Wir werden abgeholt, und es geht zu einem wichtigen Sponsor des Festivals, dem Beirut Hard Rock Café, wo wir in den "Star Room" verfrachtet werden, in dem wir von Original Elvis-Hemden, goldenen Schallplatten und Relikten der Rockgeschichte umgeben sind. Eine Durchsage verkündet, daß THE HOUSE OF USHER und die DREADFUL SHADOWS in den geheiligten Hallen des Cafés weilen. Wir durchforsten die von Burgern beherrschte Speisekarte und ich entscheide mich für einen riesigen Burger mit Pommes Frites.
   Nach dem Essen lasse ich mich zurück zum Hotel bringen, der Rest der Reisegruppe begibt sich zu einer Party im St. Georges Club, bei der leichtbekleidete Damen tanzen und man den Gästen eine Packung Zigaretten, Kopfschmerztabletten und ein Kondom schenkt. Sündiges Beirut...

 

Aug. - 21 - 1998

4th Day

Es mußte so etwas wie ein Fest sein. Tausende von Menschen hatten sich auf dem Gelände zwischen Meer und Pool versammelt, Menschen aller Klassen und Schichten, Menschen, die gekommen waren, um die Nacht zu feiern. Und warum war ich selbst hier? Ich erinnerte mich nicht, hatte ziellos die Stadt durchstreift. Die Musik setzte ein. Der Seewind trieb künstlich erzeugten Nebel über die hoch aufgestellte Bühne, auf der nun drei schattenhafte Gestalten zu sehen waren. Ihre Lieder kündeten vom schleichenden Verfall der Welt. Und wie zur Bestätigung mischten sich auch maschinenhafte Uniformierte unter die feiernde Menge, um dem Fest beizuwohnen.

DER TAG DES KONZERTES beginnt für mich sehr früh, denn ich soll den Vormittag mit Elie und dessen Freundin Janine verbringen. Es wird die persönlichste und ruhigste Zeit des ganzen Aufenthaltes werden, die kostbarste Zeit, in der wir Zeit haben, über all die Dinge zu sprechen, die wir bisher in Briefen und Telefonaten angerissen haben.
   Elie holt mich pünktlich um 9:30 Uhr am Hotel ab, wir frühstücken gemeinsam mit Janine im "Roi Du Pain", einem modernen, sterilen Restaurant, das mich in seiner Machart stark an McDonalds erinnert, hier aber gewiß der wohlhabenderen Gesellschaftsschicht vorbehalten ist. Ich übe vornehme Zurückhaltung, habe auch gar keinen großen Hunger, und erfahre viel über das Leben im Libanon und die Probleme, mit denen die Menschen im Alltag zu kämpfen haben. Alle Religionsformen sind hier wesentlich radikaler ausgeprägt als bei uns. Heavy Metal gilt als Sektenmusik und wird deshalb verfolgt und ist verboten. Der Besitz von Pornographie steht unter Strafe. Unverheiratete dürfen die Nacht nicht alleine zusammen verbringen. Die Zeit drängt zur Eile: an diesem Tag muß alles planmäßig ablaufen, sogar Elie ist ein wenig nervös. Er bringt mich zum Hotel zurück, wo Teile der SHADOWS sich um den Hotelpool geschart haben. Alexander hingegen liegt in der Badewanne des Hotelzimmers. Ich spreche mit Elie die Regelung des Merchandise ab, dann wird es auch schon Zeit, sich fürs Mittagessen vorzubereiten.
   Wieder geht die halsbrecherische Fahrt durch Beirut. Unser Ziel ist das "Bay Rock Café" und auf dem Speiseplan stehen entweder Burger oder Pizza. Ich kriege von meinem gewaltigen Burger noch weniger runter als schon am Vortag, dafür genieße ich die Aussicht auf aus dem Meer ragende Felsnadeln, die von der Brandung umspült werden und beobachte das Treiben im Café. Alle Gedanken laufen letztendlich auf das Konzert hinaus, das in wenigen Stunden beginnen soll.
   Aufbruch zum Soundcheck im St. Georges, dort wie erwartet noch keine PA. Bald steht fest, daß es für uns keinen Soundcheck geben wird. Als die Anlage endlich steht, muß erst das Schlagzeug der SHADOWS eingerichtet, müssen die Verstärker abgenommen und gecheckt werden, das dauert über 1 Stunden. Wir dürfen anhand von "The Lebanon" kurz checken, ob wir zu hören sind, viel zu kurz, um ein gutes Konzert zu gewährleisten. Das passiert uns nicht zum ersten Mal, trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl.
   Den anderen Bands geht's nicht viel besser, und plötzlich füllen sich die Terrassen des St. Georges mit Leuten - am Ende werden es rund 2000 Besucher sein - und der letzte Soundcheck geht in die erste Performance über. SNOWGOOSE spielen ihren ersten Song, der wie "Trees Come Down" von den FIELDS OF THE NEPHILIM klingt, perfekt instrumentiert und präzise gespielt. Nur das Äußere ist unerwartet: weiße Hemden und Hosen, eher eine 80er-Jahre Pop-Band als Gothic Rock. Doch schon der zweite Song besitzt nicht diese Melodiösität und SNOWGOOSE können nur noch einmal während ihres Auftritts zur alten Form auflaufen, bevor sie die Bühne SCRAMBLED EGGS überlassen, die Hardcore spielen und auf mich den Eindruck machen, als ob sie während des ganzen Auftritts nur ihre Instrumente stimmen würden. Plötzlich ist die Show vorüber und CIMMERIAN PATH verbreiten eine düstere Atmosphäre. In einem Land, in dem METALLICA auf dem Index stehen, ist ein Auftritt wie dieser gewagt. CIMMERIAN PATH sind eindeutig die sympathischste Band des Abends, wir haben uns schon vor dem Soundcheck mit ihnen unterhalten und tauschen unsere Adressen aus. Auch für einen Nicht-Metaller ist die Show der noch recht jungen Libanesen beeindruckend. Doomig und schwerfällig, meist bombastisch ergreift die Musik das Publikum sofort. Die Musiker, die selber headbangend vollkommen in ihrer Musik aufgehen, nutzen die Gunst der Stunde. Nach ihrem Konzert allerdings ist auch schon die Polizei da, aber die Band hat sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht.
   So erleben sie nur einen kurzen Ausschnitt unseres Auftrittes, der gleich zu Anfang von Unglück geprägt ist. Am Schluß des ersten Stückes "No God On Earth" reißt Martin eine Gitarrensaite. Er verläßt die Bühne, um wie mit den SHADOWS abgesprochen eine Ersatzgitarre zu holen. Unsere Gitarre soll im Gegenzug als Ersatz für sie dienen. Offenbar ein Mißverständnis. Es vergehen unerträgliche Minuten, bevor ich erfahre, daß Martin die ungestimmte Ersatzgitarre der SHADOWS bekommen hat. Als die endlich gestimmt ist, klingt sie ganz anders als die gewohnte und unser HUMAN LEAGUE-Cover "The Lebanon" fällt unerwartet rauh aus. Trotzdem ist die Reaktion des Publikums phantastisch, und als die Leute bei "Transmutation" im Takt mitklatschen, ist eigentlich wieder alles okay. Nach "Nightlife", "Unveiled", "Équinoxe", "Lizard Skin" und "Witchcult" verlassse ich die Bühne, um dem Techniker zu sagen, daß wir als Nächstes "Ciphre" spielen werden, das Stück, das im Libanon den größten Erfolg hatte, doch kaum erreiche ich das Mischpult, sehe ich wie John, der RML-Moderator die Bühne betritt, auf der gerade die letzten Nebelfetzen verwehen, und erklärt, daß dies der Auftritt von THE HOUSE OF USHER gewesen sei und nun SOAP KILLS folge.
Zu spät, die Band beginnt mit ihrem Set.
   Nur am Rande bekommen wir den Auftritt mit, eine arabische Techno-Variante, bei der vor allem die Stimme der gutaussehenden Sängerin wirkt, doch irgendwie wirkt das ganze recht steif und gekünstelt.
   Zur selben Zeit versuchen wir, uns von dem aufreibenden Konzert zu erholen und Resümee zu ziehen. Für uns steht für die Zukunft fest: nie wieder Zugeständnisse, wenn es um die Sound oder die Show von THE HOUSE OF USHER geht!
   Noch immer ist die Hitze unerträglich! Bald ist kein Wasser mehr aufzutreiben, sind die Getränke ausverkauft. Meine Wasserflasche hat man mir schon von der Bühne gestohlen, während ich sang, zwangsläufig weiche ich auf ein libanesisches Bier aus und kaufe mir einen "Original Hot Dog" der Marke Zwan, eine Firma die das Festival ebenso gesponsort hat wie das Hard Rock Café und Desperados Beer.
   Syrische Soldaten verteilen sich unauffällig auf dem Gelände, verhalten sich jedoch wie Besucher. Wir unterhalten uns, nachdem wir uns mit diversen Leuten haben ablichten lassen müssen, mit drei Goths, Monique und ihre Freunde, die selber eine Band haben und uns Material schicken wollen. Eine äußerst angenehme Überraschung an diesem Abend!
   Auch die SHADOWS haben Probleme mit dem Sound. Zuerst hört man keine Gitarren, dann sind sie viel zu laut, und schließlich setzt noch der Sampler aus, so daß die Band gezwungen ist, ihr Programm leicht abzuändern. So kommt das Publikum in den ungewöhnlichen von RAMMSTEIN- und CURE-Coverversionen.
   Dieses Publikum aber hat sich zu so später Stunde bereits gelichtet, und auch wir sind unglaublich müde. Wir schleppen uns und unsere Instrumente zu Elies Jeep und fahren auf engstem Raum zusammengepfercht gen Commodore Hotel, wo weiche Betten und klimatisierte Räume auf uns warten.

 

Aug. - 22 - 1998

5th Day

Feiner Staub und Sand bedeckten die Rampe, die in den finstren Bauch des Neubaus hinab führte. Vermutlich würde das Gebäude noch nicht einmal bis zum nächsten Krieg fertig werden. Hier sollte ich den angekündigten Verbindungsmann treffen. Der Keller, eher ein Bunker, schwammige Lichtlosigkeit, nur Schemen schrecklicher Dinge, ich griff danach. Morsch, brüchig, griff fester zu, dann gewöhnten sich meine Augen ans Dämmerlicht: Leichen aus dem vergangenen Krieg. Ich schlug instinktiv die Hand vor dem Mund, doch ich hatte mich getäuscht, wenn ich geglaubt hatte, mich übergeben zu müssen. Ich war nur Beobachter in diesem Schauspiel, nicht körperlich vorhanden, sah nur aus sicherer Ferne dem Geschehen zu.

TAPFER FINDEN MARTIN UND ICH uns am nächsten Morgen nach nur wenigen Stunden Schlaf in der Brasserie des Commodore Hotels ein, und mit Erstaunen stelle ich fest, daß ich mir ein Englisches Frühstück auf den Teller geladen habe.
   Danach Rückkehr aufs Zimmer, wo ich in einen traumgeplagten Dämmerschlaf falle, aus dem mich um 14:00 Uhr Elies Anruf weckt. Wir sollen uns langsam aufs Mittagessen vorbereiten.
   Da inzwischen all unsere Kleidung komplett verschwitzt ist, wasche ich meine Hose vom Konzertabend und eines von Alexanders Hemden in der Badewanne. Dann geht's los zum Roadster Dinner, einem modernen Imbiß, in dem mal wieder Burger auf der Karte stehen. Ich weiche auf Hähnchen im Baguette mit Pommes Frites aus, als Vorspeise gibt's für den ganzen Tisch frittierte Zwiebelringe. Über das Festival wird wenig gesprochen. Alle sind müde.
   Für den Nachmittag ist ein Auftritt in der "Music Show Naccache" auf MTV geplant. Der Sender hat am Vorabend das Festival mit vier oder fünf Kameras, davon eine auf einen beweglichen Kranarm installiert, mitgeschnitten und wird es nach unserem Abflug in seinem Programm senden. Wir dürfen nur hoffen, daß wir eine Kopie der Videocassette bekommen.
   MTV - es gibt keine Verbindung zum gleichnamigen britischen Musiksender - gehört Jihad Murr und ist etwa vergleichbar mit RTL. Die Musikshow wird von John moderiert, den wir schon vom Radiointerview und von der Moderation des Festivals her kennen. Die Bühnendeko erinnert an "Das Cabinet des Dr. Caligari", schiefe, verzerrte Häuserfassaden. Wir erfahren, daß wir als erste an der Reihe sind und live ein Stück spielen sollen. Klar, daß wir uns für "Ciphre" entscheiden. Die Instrumente werden mit ominösen D.I.-Boxen verkabelt, die wiederum mit irgendwelchen Dingen verbunden sind, die wir nicht sehen. Der Sound kommt über einen kleinen Monitor ins Studio, und irgendwie klingt das Ganze besser als am vorherigen Abend. Es gibt einen kurzen Check, unsere Gesichter werden gepudert, und schon startet die "Music Show", die durch Charteinblendungen mit einer interessanten Mischung arabischer und westlicher Musik aufgelockert wird. Wir sind ziemlich nervös... zum ersten Mal live im Fernsehen... obwohl wir "Ciphre" im Schlaf spielen können, habe ich Angst, daß irgend etwas schiefgeht.
   John eröffnet die Show mit einigen Fragen und will dann wissen, ob wir ganz spontan einen Song spielen könnten. Wir machen das Spiel mit, spielen die Überraschten und erklären uns nach einigem Zögern bereit, es zu versuchen. Es geht alles ganz schnell, plötzlich sind wir mitten drin im Song, und alles läuft völlig problemlos ab.
   Danach ist alles ganz einfach: wir beantworten Johns Fragen, einige Zuschauer rufen an, um uns ebenfalls Fragen zu stellen ("Wie findet Ihr die libanesischen Frauen?"), schon ist der etwa halbstündige Auftritt vorbei und eine reizende Moderatorin spricht Kurznachrichten aus der Musikszene, bevor John sich den SHADOWS zuwendet, von denen anstatt Liveauftritt bereits zwei Clips vom Konzert des vorherigen Abends geschnitten, die nun eingeblendet werden.
   Wir alle haben das Gefühl, den von Problemen überschatteten Auftritt beim Festival mehr als wettgemacht zu haben.
   Entspannt und glücklich, das offizielle Programm der Reise hinter uns gebracht zu haben, fahren wir mit der ganzen Gruppe zu einem Club am Meer. Jihad persönlich serviert verschiedene zusammengerollte Brote (das libanesische Brot erinnert an hauchdünne Crêpes) und gegen Mitternacht mache ich mich mit dem Fahrer Claude auf den Weg zum Hotel. Der Rest der Gruppe bricht zu zwei Bars auf, unermüdlich, hungrig nach Leben.

 

Aug. - 23 - 1998

6th Day

Im Wagen Richtung Norden, Ziel: Byblos. Ich wußte mich auf der Flucht vor einem gestaltlosen Phantom. Auch der Fahrer nervös. Hatte er etwas bemerkt? Ahnte er, daß er Jona auf seinem Schiff beherbergte? Hast zum Flughafen. Die gewaltige Schalterhalle türmte sich in schwindelnde Höhen, schwitzend erreichte ich den Schalter, alle Sorgen unbegründet: die Rückflug war bereits gebucht und man winkte mich durch die Kontrollen. Ich warf einen Blick über die Schulter, sah die Menschenmenge, die Ankommende begrüßte, Abreisende verabschiedete. Darunter ein mir bekanntes Gesicht. Nun wußte ich, wen ich getroffen hatte: Es war der Geist des Krieges gewesen.

DEN LETZTEN TAG beginnen wir nicht ohne Wehmut. Nach dem Frühstück darf ich zum ersten Mal alleine in die Stadt hinausgehen und kaufe ein Geschenk für jemanden, den ich sehr liebe. Dabei handle ich unfreiwillig den Preis herunter. Ein System, an das man sich gewöhnen könnte.
   Die am Vortag gewaschene Kleidung trocknet auf einem Stuhl am Pool, wo ich auf Martin und die SHADOWS treffe. Schließlich kommt auch Elie und überreicht mir die Einkünfte aus dem gut gelaufenen Merchandise.
   Wir laden unser Gepäck in einen Kleinlastwagen und brechen zur letzten Fahrt durch den Libanon auf. Es gilt, die lange Zeit bis zum Abflug totzuschlagen. So brechen wir zum Zentrum Beiruts auf, wo wir die Chance erhalten, vor einem vollkommen zerstörten Kino und der Silhouette der umgebenden Bauten einige Photos zu schießen.
   Den Lunch nehmen wir im "Super Schtroumpf" (= Schlumpf) ein, einem Schnellrestaurant mit phantastischem Blick über die Küste nördlich Beiruts. Die gestaltlose Lasagne aus der Mikrowelle, die ich unglücklicherweise bestellt habe, wird auch in der schwülen Hitze dieses Tages nicht erträglicher, dennoch esse ich sie restlos auf, bevor es weiter Richtung Byblos geht. Doch schon beim Essen wird deutlich, daß die SHADOWS lieber mittels einer Kabinenbahn auf einen nahen Berggipfel wollen, um dort Bandfotos zu machen. Nach einigem Hin und Her dürfen wir uns von der Gruppe trennen und quälen uns mit Elie im stockenden Verkehr zu einer der ältesten Städte der Welt, in der die Phönizier das Alphabet und den Purpur (er)fanden. Am Strand machen wir einige Photos, werden von einem Pärchen entdeckt, die uns als THE HOUSE OF USHER erkennen. Sie hatten uns auf MTV gesehen.
   Viel Zeit zum Plaudern bleibt jedoch nicht. Jihad und die SHADOWS sind schon auf dem Weg zur Fernsehstation, wo wir wieder zusammengeführt werden sollen. Und Elie erhält einen seltsamen Anruf: man dürfe uns nicht sehen, wir müßten unbemerkt zu seinem Wagen gelangen. In diesem kreisen wir vier- fünfmal durch die engen Straßen der Stadt und fahren schließlich in halsbrecherischem Tempo nach Beirut zurück.
   Noch einmal genießen wir ein typisch arabisches Essen im "Abou Andre", dann beginnt das Warten. Es ist alles sehr großzügig kalkuliert - drei Stunden vor Abflug checken wir nach einem herzlichen Abschied von all den Lieben, die uns die letzten Tage begleitet haben, am Lufthansa-Schalter ein und begeben uns ins Flughafenrestaurant, wo wir von libanesischen Festivalbesuchern, die zufällig ebenfalls gerade verreisen, prompt als THE HOUSE OF USHER erkannt werden und Autogramme geben müssen.
   Endlich dürfen wir zum Flugzeug, es ist inzwischen gegen 3:00 Uhr morgens. Die Maschine startet, legt sich ein letztes Mal schräg, so daß wir die Lichter der Stadt unter uns verschwinden sehen. So wenig wie wir glauben konnte, daß wir in dieses Land reisen würden, können wir fassen, daß wir es nun bereits wieder verlassen.

 

Ausklang

WOHER WEIß DER FLUGHAFENANGESTELLTE an der Gepäckausgabe, daß die Gitarrenkoffer uns gehören?
   Todmüde lassen wir die Kontrollen von Zoll und Polizei über uns ergehen und suchen uns unseren Weg durch die fast menschenleeren Hallen und Gänge des Flughafens. Zurück in Deutschland - und kaum etwas erinnert daran, daß wir vor wenigen Stunden noch im glutheißen Libanon.
   Unsere Heimat erwartet uns mit dem ehernen Griff ihrer Regeln und Gesetze und der unbarmherzigen Fürsorge einer strengen Mutter.
   Daheim!

Unser Dank gilt: Elie Nasser, kaum jemand verdient es wie er, ein Freund genannt zu werden, Tony, der im letzten Krieg 13.000 Schallplatten verlor und zweifellos einer der liebenswertesten Menschen dieser Welt ist, sowie Jihad Murr, Claude Kawas und Raffi Ohanian.

Jörg Kleudgen, August 1998

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