«--zurück zur Biographie

 

R A D I O    V A T I C A N O

Tourbericht Italien November 2004

Wie mag sich der erste Mensch gefühlt haben, als er im Dämmer des ersten Tages sein wärmendes Lager verlassen und sich dem täglichen Daseinskampf stellen musste?

So ähnlich wie wir vielleicht, als wir (Ralf, Claudia, Axel, Angie und ich) uns am 3.11. 2004 um 5:00 Uhr morgens auf den Weg nach Westen machen, um bei Bad Neuenahr die Rheinländer Hälfte der Band aufzulesen. Bei Markus noch Brötchen belegend, erfahren wir, dass ein gefährlicher Superschurke namens George W. Bush vom amerikanischen Volk für eine zweite Amtsperiode als amerikanischer Präsident gewählt worden ist. Mit dieser ernüchternden Nachricht fahren wir im bis unters Dach vollgepackten VW LT weiter in Richtung Süden, bis die Berge höher werden und mit Schnee bedeckt sind. Auf steilen Felsgraten, von denen Wasserfälle herabstürzen, sind über tiefen Schluchten Häuser erbaut. Der Gotthard-Tunnel verschluckt uns. 17 Kilometer später sind wir in Italien. Von da an geht es stetig bergab, bis Mailand. Wir entscheiden uns, in Pisa zu übernachten, doch der Weg dorthin ist weit, und es wird rasch dunkel. Wir überqueren den Apennin: Brücken… Tunnel… Brücken… endlich La Spezia, dann Pisa, ein System von Einbahnstraßen. Verkehrsregeln scheinen für die Bewohner der Stadt nicht zu gelten. Das von unserem Tourmanager vorgeschlagene Hotel ‚Gronchi' ist geschlossen. Wir beziehen Zimmer im ‚Di Stefano'; erster Gang durch die Stadt, zum ‚Platz der Wunder': Dom, Schiefer Turm, Baptisterium, dort Bandfotos schießen. Dann zurück zum Hotel, wo an Schlaf nicht zu denken ist. Fußballfans liefern sich auf der Straße unter unserem Fenster eine Wasserschlacht. Endlich Ruhe!

Am 4.11. 2004 morgens erneut zur "Piazza die Miracoli", Rundgang, Frühstück in der Bar. Wir verlassen Pisa über die alte Via Aurelia in Richtung Rom, lassen Toskana und Maremma hinter uns. Rom wirkt auf Anhieb respekteinflössend, ein südländisches Chaos mit erneut sehr freier Interpretation der Verkehrsvorschriften, durch das wir mit viel Glück zum ‚Alpheus' finden, das von außen wie ein Hotel aussieht. Das Innere ist in Rot und Schwarz gestrichen, große Bühne, ein guter Techniker, Backstageraum, Ankunft unseres Tourmanagers Sebastian… Langsam macht sich unsere Erschöpfung bemerkbar, und Nervosität, als um 22:00 Uhr noch kein einziger Zuschauer aufgetaucht ist. Am Ende sind es exakt 22 zahlende Gäste, und wir spielen ein sehr intimes Konzert von etwa einer Stunde Dauer. Die wenigen, die da sind, drücken sehr herzlich ihre Begeisterung aus. Der gut gelaufene Merchandise versöhnt uns mit der Situation. Als Entschuldigung für die katastrophale Besucherzahl versuchen wir uns mit dem Argument zu begnügen, dass das Konzert erst ca. eine Woche vor Tourstart gebucht und kaum beworben wurde. Als wir erfahren, dass BLOODY, DEAD & SEXY eine Woche zuvor in Bassano del Grappa vor 45 Zuschauern gespielt haben sollen, reduzieren sich unsere Hoffnungen für den nächsten Tag allerdings erheblich.
Wir verlassen uns darauf, dass unser Tourmanager uns als Ortskundiger zu unserem Hotel führen wird, aber als er das Kolosseum mit einer Therme zu verwechseln scheint und ich erkenne, dass wir in exakt die falsche Richtung fahren, nehmen wir das Ruder wieder selber in die Hand. Kurz darauf erreichen wir das etwas schäbige Hotel, finden keinen Parkplatz. Markus verbringt die Nacht als Wache im Transporter. Viel Ruhe findet auch der Rest der Band nicht; von der Straße dringt ein Höllenlärm herauf in die Zimmer.

Am nächsten Morgen, dem 5.11. 2004 verlassen wir Rom auf schnellstem Wege, über die A1 nach Norden: Florenz, Stau im Gebirge, Bologna, Padua… von da an im Dunkeln über Landstraße, durch den Berufsverkehr. Die Fahrt ist endlos, Bassano erneut ein Verkehrschaos, der Club nicht ausgeschildert. Sebastiano telefoniert und telefoniert und telefoniert. Endlich am ‚Transilvania Live', einem Club im Horrorfilmdesign, nicht übel! Im Backstageraum haben uns BLOODY, DEAD & SEXY an der Wand einen Gruß hinterlassen. Die PA ist okay, unsere Vorband CHRYING ORCHARD hat mit Feedbacks zu kämpfen. Wir alle sind völlig erschöpft, Stimmung gereizt. Ich schlafe ein. Als ich aufwache, fühle ich mich wie gesteinigt. Das Publikum (50? Sebastiano meint später, es seien 70 Besucher gewesen) verläuft sich im Club. Auf die Bühne! Wo ich stehen sollte, befindet sich ein Betonstützpfeiler. Merkwürdiges Gefühl, durch ihn von der Band getrennt zu sein. Das Publikum ist reserviert, wir spielen an diesem Abend jedoch wesentlich souveräner als am vorherigen, und Claudia ist am Merchandisestand nach dem Konzert gut ausgelastet.

Gg. 2:00 Uhr morgens treffen wir im ‚Antica Locanda' in Maser ein, einem rustikalen, relativ komfortablen, kleinen Hotel, wo wir am nächsten Morgen, dem 6.11. 2004 endlich mal ausgeruht frühstücken können. Die Fahrt nach Prato verläuft ohne größere Zwischenfälle ausgesprochen entspannt, und das von Sebastiano gebuchte Hotel Bisenza (drei Sterne) ist eine positive Überraschung. Wir gönnen uns eine kurze Pause und fahren dann zum ‚Anomalia'-Club, der in einem Gewerbegebiet liegt. Sein Interieur ist in schreienden Farben gestaltet, aber die Bühne hat die perfekte Größe, und der Tontechniker hat gemäß Technikanweisung alles vorbereitet. Der Soundcheck verläuft sehr entspannt. Doch dann beginnt das nervöse Warten. Werden Zuschauer kommen? Ja, sie kommen. 230 gut gelaunte Gäste, die den geräumigen Konzertraum angenehm füllen. Es gibt uns schon ein gutes Gefühl, dass DJ Sergio ein genial gemischtes Programm spielt, wie ich es bisher immer nur in Italien gehört habe. Warum ist das in Deutschland nicht möglich? Der Auftritt macht von Anfang an Spaß. Dimensionen scheinen zwischen den müden Gigs von Rom und Bassano und dem Aufspielen in Prato zu liegen. Zum ersten und einzigen Mal auf der gesamten Tour spielen wir unser komplettes Programm und werden zweimal zu insgesamt sieben Zugaben herausgerufen, inkl. JOY DIVISIONs "Transmission", bei dem Ralf und Markus ihre Instrumente tauschen. Nach dem Set sind wir völlig ausgelaugt, müssen aber noch für die Fragen der Zuschauer und für Autogramme zur Verfügung stehen und können darüber hinaus unsere Backdrops mit dem "Radio Cornwall"-Motiv nicht vor Ende der Party abnehmen.

(7.11. 2004) - Dementsprechend spät kommen wir am nächsten Morgen ins Hotel, können nur wenige Stunden schlafen und verpassen z. T. dennoch das ohnehin schon typisch italienisch-spartanische Frühstück. Den Weg, der nun vor uns liegt, kennen wir teilweise von der Hinfahrt Mailand - Pisa und der Fahrt Rom - Bassano. Es ist eine weite Strecke, die wir jedoch ohne größere Probleme zurücklegen, bis wir den Stadtrand Mailands überschreiten und uns der Sportarena San Siro nähern. Von da an fragen wir uns mit Sebastianos Hilfe mühsam durch das Straßenlabyrinth und kommen immer wieder zur Piazzale Lotto zurück. Endlich erreichen wir mit viel Glück das ‚Transilvania live', das noch eine Klasse größer als der zur selben Kette gehörende Club in Bassano del Grappa ist. Ausladen, Aufbau und Soundcheck sind inzwischen zur Routine geworden, aber ich bin so ausgelaugt, dass ich kurz darauf im Backstageraum einschlafe und sogar den Auftritt unserer Vorband ORDEAL BY FIRE verpasse, auf den ich mich so sehr gefreut hatte. Und dann wird es für uns Zeit, auf die Bühne zu gehen. Die Halle wirkt erschreckend leer, trotz der gut 150 Zuschauer, die den Weg hierher gefunden haben. Zwei Drittel der Leute verteilen sich an den Tischen am Rand des Saales, das restliche Drittel vor der Bühne. Spielerisch wird der Auftritt in Mailand wohl unser bester, aber der Funke springt nicht so über wie in Prato. Als wir uns zu einer kurzen Pause vor der geplanten Zugabe hinter der Bühne einfinden, startet plötzlich der DJ sein Programm, und es ist nicht mehr möglich, zur Bühne zurückzukehren. Sehr ärgerlich, aber eigentlich haben wir in rund 50 Minuten Hauptprogramm alles gesagt, was gesagt werden musste, und wir geben uns zufrieden. Uns bleibt noch Zeit für Unterhaltungen mit Fans und Medienleuten, dann heißt es plötzlich, dass der Abbau nur über die vordere Halle erfolgen kann und wir unsere Backline quer durchs Publikum schaffen müssen. Puhh! Aber mit Hilfe der Stagehands bewältigen wir die Situation binnen kürzester Zeit und können dann endlich getrennter Wege gehen: ein Teil der Band ins nahe gelegene Hotel, der Rest in eine vom Veranstalter eigens für Bands angemietete Wohnung, die nur ein paar Gehminuten entfernt liegt. Hier herrscht Jugendherbergsatmosphäre, aber nicht im negativen Sinne. Trotz der räumlichen Enge, oder gerade wegen derselben, ist es in der kleinen Wohnung gemütlich.

(8.11.2004) Als wir uns hier am nächsten Morgen alle treffen, wird es dann richtig eng. Sebastiano rechnet mit uns ab, wir gehen in eine nahe gelegene Bar in der - Überraschung! - der Manager des ‚Transilvania Live' als Bedienung arbeitet, gönnen uns noch einen letzten unvergleichlichen Espresso und Sandwiches, dann brechen wir auf nach Hause. Sebastiano wird an der Piazzale Lotto abgesetzt, von wo aus er zum Bahnhof fährt, und wir fahren in die Peripherie Mailands, um die Stadt nach einem kurzen Abstecher zum Supermarkt endgültig zu verlassen.

In den frühen Morgenstunden des 9. November erreichen wir Markus' Haus bei Bad Neuenahr, und gegen 5:00 Uhr Ralfs Zuhause. Nachdem wir ein paar Stunden geschlafen haben, laden Ralf und ich noch den Transporter leer, den Claudia mit Besen und Kehrblech in einen Zustand versetzt, der ungefähr dem ursprünglichen entspricht. Als der Transporter schließlich in Arnsberg abgegeben ist, endet auch für uns unsere Italien-Tour 2004.

Schon am Tag nach unserer Rückkehr beschäftigt mich die Frage, wie es weitergehen wird. Im Vordergrund unserer Arbeit muss die Fertigstellung unseres neuen Albums "Radio Cornwall" stehen, aber irgendwo in meinen Gedanken taucht immer wieder der Wunsch auf, möglichst bald an diese Tour anzuknüpfen. Warum nicht erneut Italien? Vielleicht ein besser vorbereitetes Konzert in Rom? Konzerte in Turin oder Pisa, wo wir schon 1994 erfolgreiche Auftritte hatten? Auf unserer Tour sind wir mehrfach dazu eingeladen worden, wieder nach Italien zu kommen. Unser Tourmanager Sebastiano hat eine hervorragende Arbeit geleistet. Wir sollten nicht noch einmal zehn Jahre verstreichen lassen.

Jörg Bartscher-Kleudgen, 10.11. 2004

«--zurück zur Biographie